Wie verändern digitale Kommunikationsräume unsere Gesellschaft? Weshalb greift das Bild einer Spaltung in zwei Lager zu kurz? Und was geschieht mit Organisationen, wenn KI nicht mehr nur Werkzeug ist, sondern selbst zum Akteur wird?

Im Vorfeld des CNO Panels hat Pascal Sieber mit Marc Leuzinger über die Theorie der Digitalen Gesellschaft gesprochen, die Marc gemeinsam mit Sarah Nünlist entwickelte. Das Gespräch führt von der Fragmentierung der Öffentlichkeit über die Identität von Organisationen bis zu den strategischen Fragen, vor denen sie im Zeitalter der KI stehen.

Polarisierung als Beobachtungsartefakt

Eine der pointiertesten Thesen des Gesprächs betrifft die gesellschaftliche Polarisierung. Aus Sicht der Theorie teilt sich die Gesellschaft nicht dauerhaft in zwei einander gegenüberstehende Lager.

Im digitalen Raum entstehen fortlaufend neue Kommunikationsräume. Jeder dieser Räume bildet eigene Sinnhorizonte, Wertvorstellungen und Vorstellungen davon aus, was richtig oder falsch ist. Menschen bewegen sich gleichzeitig in mehreren dieser Räume und aktivieren abhängig vom jeweiligen Thema unterschiedliche Werte.

«Polarisierung findet also konstant statt, aber sie teilt die Gesellschaft nicht in zwei Hälften. Sie teilt und ordnet sich immer wieder neu, und das Ganze ist extrem dynamisch.»

Die Mikromoral hilft Menschen dabei, sich innerhalb dieser Vielfalt zu orientieren. Sie zeigt, wo Zugehörigkeit und Anschluss möglich sind und wo Ausschluss droht. Diese Moral ist jedoch nicht gesellschaftlich einheitlich. Sie bleibt situativ, fragmentiert und mehrdimensional.

Was diese Dynamik für Organisationen bedeutet

Für Organisationen wird es dadurch schwieriger, eine vermeintlich gemeinsame Öffentlichkeit zu adressieren. Angebote, Botschaften oder Entscheidungen treffen auf unterschiedliche Kommunikationsräume, die jeweils eigenen Sinnhorizonten und Wertvorstellungen folgen.

Um Wirkung zu erzeugen, müssen Organisationen verstehen, in welchen Räumen sie glaubwürdig teilnehmen können und welchen Beitrag sie zu deren Sinn leisten.

Gleichzeitig wirken die gesellschaftlichen Dynamiken in die Organisation hinein. Mitarbeitende bringen unterschiedliche Zugehörigkeiten, Werte und Vorstellungen mit. Treffen stark moralisierte Sinnhorizonte aufeinander, kann dies die Zusammenarbeit erschweren und die organisationale Handlungsfähigkeit beeinträchtigen.

KI wird zum Akteur im System

Mit KI-Agenten tritt eine weitere Dynamik hinzu. KI wird in Organisationen häufig als Technologie oder Werkzeug betrachtet. Sobald Agenten jedoch Kommunikation auslösen, Entscheidungen vorbereiten oder selbst Entscheidungen treffen, nehmen sie am organisationalen Geschehen teil.

«KI ist nicht einfach eine Technologie, sondern sie wird zum Akteur im System.»

Damit wirkt KI potenziell auf alle Bereiche der Organisation: auf ihre Struktur, ihre Angebote, ihre Kultur, ihre Zusammenarbeit und ihre Kommunikation nach innen und aussen.

Die entscheidende strategische Frage lautet deshalb nicht nur, wo KI eingesetzt werden kann. Organisationen müssen ebenso untersuchen, wie sich ihr Einsatz auf ihre eigene Dynamik und Identität auswirkt.

Im vollständigen Interview sprechen Pascal Sieber und Marc Leuzinger über komplexe Systeme, Mikromoral, organisationale Identität und die Rolle von KI in der Organisation der Zukunft.